Univ. Prof. Dr. Zech Herbert
Es ist nicht die Dauer der Kultur der Embryonen bis zum Tag 5/Tag 6 (Blastozystenstadium) der ausschlaggebende Erfolgsfaktor, sondern die
Auswahl von Embryonen aus einem größeren Pool im Blastozystenstadium.
Was ein namhafter Deutscher Reproduktionsmediziner bereits im Jahre 2000 in der Fachzeitschrift „Reproduktionsmedizin“ geschrieben hat, ist heute aktueller denn je:
Der programmierte Misserfolg
Die Dilemmasituation der deutschen (schweizerischen und italienischen) Reproduktionsmedizin (Editorial von Prof. Dr. H. W. Michelmann, in der Zeitschrift "Reproduktionsmedizin", Band 16, Heft 3, Juni 2000).
Die Schwangerschaftsraten pro Embryotransfer sind in Deutschland so unbefriedigend (IVF = 22,6 %; ICSI = 23,5 %), daß ernsthaft darüber nachgedacht werden muß, ob es noch zu verantworten ist, Kinderwunschpaare in Deutschland zu behandeln.
Diese Frage ist gerechtfertigt, wenn man erstens die deutschen Zahlen mit denen des Auslands vergleicht, wo teilweise Schwangerschaftsraten von 80 % und mehr pro Embryotransfer erreicht werden und wenn man sich zweitens vergegenwärtigt, daß Paare bei der
ICSI-Behandlung bis zu 10.000 EUR aus eigener Tasche bezahlen müssen, ohne dafür eine optimale Behandlung zu erhalten.
Die Gründe dafür liegen im Embryonenschutzgesetz und den entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland und in der Schweiz. Es sind die Vorgaben dieses Gesetzes, die die Dilemmasituation der Reproduktionsmedizin in diesen beiden Ländern hervorrufen und den Misserfolg vorprogrammieren. Laut diesen gesetzlichen Richtlinien dürfen normal nicht mehr als drei Embryonen kultiviert werden.
Es steht heute zweifelsfrei fest, daß der entscheidende Faktor für den Erfolg einer
IVF/
ICSI-Behandlung die Qualität der transferierten Embryonen ist.
Eine Beurteilung der Embryoqualität ist nur über die Entwicklungsgeschwindigkeit und Morphologie der einzelnen Embryonalstadien möglich. Das in Ländern außerhalb von Deutschland und der Schweiz routinemäßig praktizierte Verfahren ist die Embryonenauswahl.
Dies bedeutet, daß aus der Gesamtheit aller über 3 bis 6 Tage kultivierten Embryonen die am weitesten entwickelten und morphologisch am unauffälligsten aussehenden selektiert und transferiert werden. Das bevorzugte Stadium ist die nach einer Kulturdauer von 5 bis 6 Tagen entstandene expandierte Blastozyste.
In Deutschland und in der Schweiz ist jede Art der Auswahl verboten. Nur maximal drei ausgewählte Vorkernstadien dürfen sich zu Embryonen entwickeln und müssen übertragen werden, egal wie gut oder schlecht diese Entwicklung abgelaufen ist. Eine Kultur über länger als 2 Tage ist sinnlos, da eine Auswahl zu keinem Zeitpunkt stattfinden darf.
Nur etwa 40 % aller befruchteten Eizellen erreichen das Stadium der expandierten Blastozyste. Werden durch eine Kultur von 5 bis 6 Tagen in sequentieller Medien diese Stadien erreicht und dann transferiert, lassen sich Schwangerschaftsraten von über 50 % erreichen, auch dann, wenn nur zwei Embryonen transferiert werden. Das hat weiterhin zur Folge, daß die normalerweise hohen Mehrlingsraten nach IVF/ICSI signifikant reduziert werden können.
Bei den IVF/ICSI-Gruppen in Deutschland, in der Schweiz und in Italien ist dies nicht möglich.
Schlußfolgerung:
Die in den letzten Jahren auseinander driftenden Schwangerschaftsraten zwischen Deutschland, der Schweiz und Italien, sowie vielen anderen Ländern sind auf die außerhalb von Deutschland, der Schweiz und Italien praktizierten verlängerten Kulturzeiten mit speziellen Medien und anschließender Embryo-Auswahl zurückzuführen. Da die Auswahl der expandierten Blastozysten aus einem Pool sich entwickelnder Embryonen in Deutschland, der Schweiz und in Italien nicht möglich ist, wird man in diesen Ländern auch in der Zukunft mit Schwangerschaftsraten von unter 30% leben müssen!
Mit zunehmendem Alter der Frauen beim ersten Kind und damit verbundenen, schwierigeren Situationen, kommt dieser Auswahl eine immer größere Bedeutung zu!